gitarre aktuell
January 1994

Schnell mal Bach. Skeptiker haben bei Bach-Interpretationen aus Fern oder auch -Ost meist Hochkonjunktur. Es hat sich wiederholt bestätigt, daß man dort mit anderen Maßstäben an diese Musik herangeht als etwa im "Land des größten aller Komponisten" selbst. Wir haben schon erfahren und begriffen, daß die Musik des Thomaskantors einerseits formbar und flexibel genug ist, um mit ihr alles Mögliche zu veranstalten (vergl. hierzu das reiche Angebot an Jazz-, Pop- und insbesondere Transkriptionen für die klassiche Gitarre), andererseits aber so sensibel und hehr ist, daß geradezu jede veränderte Note, jede von Schulmeisterpfaden abweichende Interpretation den Aufschrei der Puristen bewirkt. Auch hier also beispielhaft, daß die Musik durch die Diskussion ihre Spannung behält und lebendig bleibt.

Der Gitarrist Philip Hii stammt aus Malaysia und lebt in den USA. Er begann mit zehn Jahren, Gitarre zu spielen, erhielt sechs Monate Unterricht und setzte dann seine Studien als Autodidakt fort. Die Schallplatten von John Williams und Andrés Segovia waren die Lehrmeister, mit denen er sich allmählich das Standardrepertoire der Gitarre erschloß. Mit achtzehn gewann er einen nationalen Wettbewerb in seiner Heimat, er ging dann nach Neuseeland und studierte Jura. Aber, wie es so oft im Leben kommt, die Gitarre hatte es ihm angetan, er wechselte ins musikalische Lager, studierte sein Instrument beim amerikanischen Gitarristen und Lautenisten Karl Herreshoff, ging auf Tournee, gewann Preise. Vorübergehend lebte er in England und in Deutschland, bis er vor elf Jahren in die Staated übersiedelte, wo er seine Studien fortsetzte und an seiner musikalischen Laufbahn feilte.

Philip Hii hat sich sehr intensiv mit Transkirptionen Bach'scher Musik auseinandergesetzt, bevor er, mit einem gesunden Maß an Kritik und Relativismus, sich zur Einspielung (Festlegung!) und Veröffentlichung der vorliegenden CD entschloß. Der Deutsche Gitarrist Reiner Stutz, ein Freund Hiis, kündigte die Platte so an: "Diese CD nur mit Bach'schen Werken - sowohl Transkriptionen als auch Originalkompositionen - besticht durch sehr gute und durchdachte Bearbeitungen und hohe Musikalität, ganz zu schweigen von der enormen Geschwindigkeit".

Nun sollte sich die Bachgitarre aus Fernost nicht allein in Tempo-Superlativen erschöpfen (worin auch andere Interpreten meisterhaft sind). Und so trügt dann auch der erste Schein im Vortrag der »Chromatischen Fantasie und Fuge&laqno;, BWV 903, daß auch Hii ein Opfer seiner berauschenden Technik geworden ist. Aber selten sind Läufe in einer solchen Präzision gehört worden, so daß sie durch die unangestrengte Spielweise wie eine harmonische Klangkaskade wirken. Bachs einstimmige Melodien harmonisieren sich durch die Homogenität und Schnelligkeit der von Hii gesetzten Töne wie von selbst. Vielleicht orientierte sich der Gitarrist an den Solostücken für Streicher (Violine, Cello), um auf dem "Zupf" instrument eine analoge Wirkung zu erzielen, die nur mit dem normalen "Legato" der Gitarre nicht zufriedenstellend erreicht werden kann. Hii hat ein äußerst hohes technisches Können, womit er z.B. auch dem lebhaften polyphonen Satz aus der Sonate, BWV 1023, (Gigue) eine ungewöhnlich dichte Farbe verleiht. Dabei bleiben seine Stimmführungen präzise, klar und in jeder Situation kontrolliert. Überhaupt vermittelt Hii durch sein Spiel hochgradige Disziplin gepaart mit überzeugender musikalischer Behandlung des Materials. Vielleicht wäre das Allegro aus BWV 998 etwas gemäßigter mehr gewesen; hier gibt es "Ecken", die der Schnelligkeit zum Opfer fallen, was er allerdings in langsamen Stücken, z.B. dem Choral »Ich ruf' zu dir,&laqno;, BWV 639, durch singenden, getragenen Ton wieder "wettmacht". Hiis Anschlagskultur ist auf einem perfekten Stand, durch Tonschönheit und äußerste Gleichmäßigkeit geprägt. Die CD des hier noch weitgehend unbekannten Gitarristen wird sicherlich nicht nur deshalb in Zukunft zu Vergleichen herangezogen werden müssen - sofern sie hier Verbreitung findet.

© 1994 GAK Magazine (Germany)